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„Weltklasse!“

Dr. Thomas Richter, Direktor des Herzog Anton Ulrich-Museums, im Interview

Der promovierte Kunsthistoriker Dr. Thomas Richter leitet das Herzog Anton Ulrich-Museum seit dem Jahr 2019 mit viel Engagement, Expertise und Leidenschaft.

Das Herzog Anton Ulrich-Museum gilt als eines der ältesten Museen der Welt. Berühmt ist es für seine international bekannten Gemälde, Skulpturen und Kostbarkeiten, die von der Antike bis ins 18. Jahrhundert reichen. Ein außergewöhnlicher Anziehungspunkt für Besucher aus der ganzen Welt. Seit mittlerweile zehn Jahren unterstützt die Braunschweiger Privatbank das einzigartige Haus, besitzt eine Patenschaft für das Bild „Allegorie der Vergänglichkeit“ und führt exklusive Kundenveranstaltungen in den imposanten Räumlichkeiten durch. Grund genug für ein ausführliches Titel-Interview mit HAUM-Direktor Dr. Thomas Richter. 

Herr Dr. Richter, was macht das Herzog Anton Ulrich-Museum einzigartig im Vergleich zu anderen Kunstmuseen in Deutschland?

„Der Ursprung und die Qualität seiner Sammlungen. Herzog Anton Ulrich baute in Salzdahlum ein Schloss für seine Kunstsammlungen, darunter einen ersten echten Galeriebau für seine Gemälde. Die Kunst erfüllte ihn als Mensch. Sie half ihm aber auch politisch, um einem kleinen Land im Konzert der europäischen Potentaten Respekt zu verschaffen. Schließlich bauten seine Nachfolger den Reichtum der Sammlungen aus und machten sie für alle Menschen zugänglich. Das war eine Pioniertat Carls I. im Zeitalter der Aufklärung. Man schrieb das Jahr 1754. Das macht uns unbescheiden und zu einem der ältesten Museen der Welt!“

Welche besonderen Sammlungen oder Exponate zeichnen Ihr Museum besonders aus?

„Da sind zunächst die berühmten Gemälde in der Galerie zu nennen: Rembrandts ,Familienbild’, Giorgiones Selbstbildnis, die ,Judith’ als eigenhändiges Werk des großen Peter Paul Rubens, das Selbstporträt Lucas van Leydens – und mit Vermeers berühmtem ,Mädchen mit dem Weinglas’ ist die Reihe der international bekannten Hauptwerke noch lange nicht zu Ende. Aber auch im Bereich der Skulpturen und Kostbarkeiten bietet die fürstliche Sammlung Außerordentliches von der Antike – etwa das Mantuanische Salbölgefäß wohl aus der Zeit Kaiser Neros – bis ins 18. Jahrhundert; hier beispielsweise die Skulpturen Balthasar Permosers – Weltklasse! Hochbedeutend und von Besucher:innen oft unterschätzt ist aber auch unsere Sammlung ostasiatischer Kunst – und vieles mehr…“

Welche Rolle spielt das Herzog Anton Ulrich-Museum auf nationaler Ebene?

„Nun, in der Fachwelt sieht man uns wohl unter den rund 20 bedeutendsten Museen in Deutschland. Das liegt schlicht an der Bedeutung der fürstlichen Sammlung. Wir können uns aber weder mit Blick auf die finanziellen Mittel noch hinsichtlich der Besucherzahlen mit den großen deutschen Standorten wie Berlin, Dresden oder München messen. In dieser Hinsicht sind wir eher ein ,hidden champion’. Das liegt wiederum an der historischen Entwicklung, die das Land und die Region Braunschweig in den letzten beiden Jahrhunderten und vor allem nach 1945 genommen hat. Die Region hat sich nicht zu einer Reisedestination entwickelt. Freilich ist sie in anderen Belangen sehr stark geworden, wovon wir selbstverständlich profitieren. Wir haben weniger Laufkundschaft als das ,Grüne Gewölbe’. Das muss man als Museumsdirektor in Braunschweig mit Langmut zur Kenntnis nehmen. Gleichwohl kommen Besucher:innen aus der ganzen Welt. Man kennt das HAUM in Japan und den USA.“

Wie positioniert sich das Museum international, zum Beispiel im Austausch mit anderen bedeutenden Institutionen? 

„Wir sind ein gefragter Leihgeber. Unsere Sammlungen sind international sehr bekannt. Es gibt keinen Tag im Jahr, an dem nicht Stücke unserer Sammlung irgendwo auf der Welt unterwegs sind. Das fördert die Wissenschaft und den internationalen Kulturaustausch, bringt Menschen zusammen. Es ist eine Visitenkarte für Braunschweig, das Land Niedersachsen und für Deutschland. Freilich können wir nicht alle Wünsche anderer Museen befriedigen. Oben auf der Liste stehen immer der Schutz und die Erhaltung der Kulturgüter. Wir entscheiden solche Fragen nicht nach Bauchgefühl, sondern auf Basis wissenschaftlicher und technologischer Analysen. Wir sind Sachwalter:innen zukünftiger Generationen und gehen mit dem Eigentum aller Bürger:innen um. So einfach ist meine Arbeitsplatzbeschreibung als Museumsdirektor umrissen.“

Können Sie Beispiele für internationale Kooperationen oder Leihgaben nennen?

„Darüber könnte ich lange referieren. Ganz aktuell stellen wir ein Hauptwerk unserer Italiener-Abteilung Orazio Gentlileschi, ,Dornenkrönung Christi’ im Musée Jacquemart-André in Paris aus. Dann begleitete unsere Chef-Restauratorin, Verena Herwig, gerade ein Gemälde an einen recht entlegenen Ort in Finnland; eine lange und abenteuerliche Reise – im Bereich Forschung bereiten wir aktuell gemeinsam mit Kolleg:innen in Paris eine zweisprachige Ausgabe von neu aufgefundenen Quellentexten über die Verbindungen der Hofkultur in Paris und Braunschweig-Wolfenbüttel vor. Das bearbeitet bei uns Dr. Martina Minning. Und daneben die Ausstellungen, große Umzüge, Sanierungen etc. Wer es gemächlich mag, sollte keine Stelle im Museum anvisieren. Das landläufige Image trügt.“

Gibt es besonders wertvolle oder berühmte Kunstwerke, die für das Museum charakteristisch sind?

„Eine Sammlung, die über eine so lange Zeit gepflegt und erweitert wurde, ist wie ein ‚Konzentrat‘: Gutes wurde abgegeben, um Besseres zu erwerben. Und das alles in einer Epoche, in der herausragende Meisterwerke noch zu erwerben waren. Die Sammlung wuchs, als der internationale Kunsthandel gerade begann, mit seinen heutigen Mechanismen zu funktionieren. Das kann man an der Sammlung ablesen. Der Vermeer in Braunschweig ist der erste, der von einem deutschen Fürsten erworben wurde. Ich nenne das Weitblick. Heute reisen die Menschen von weit her nach Braunschweig, um dieses Gemälde zu sehen. Vielleicht besuchen sie im Zuge dessen auch ein Spiel der Eintracht. Vielleicht aber auch nicht.“

Welche Werke in der Sammlung sind für Sie persönlich besonders bedeutend?

„Das ist schwierig zu beantworten. Es gibt aber zwei Aspekte, die mich immer wieder besonders ansprechen. Das eine sind Werke, die mich ganz früh in meinem Leben berührt und für die Kunst begeistert haben, zu einem Zeitpunkt, an dem rein gar nichts darauf hindeutete, dass ich einmal diesen Beruf ergreifen, geschweige denn eines Tages als Direktor an diesen Werken vorbeiflanieren würde… Das sind für mich ‚alte Bekannte‘, etwa Werke von Paul Bril oder Georg Raphael Donner. Dann wiederum faszinieren mich immer wieder Künstler, die mit großem Eigensinn das Korsett der Traditionen abstreifen und ihren Themen mitten aus dem Leben greifen: Etwa Pier Francesco Mola, der einen Gott und eine Königstochter als verliebte Teenager darstellt – ohne Spott, sondern mit zartfühlender Beobachtung. Oder der müffelnde Grobian der sich für seine Liebe zum Gentleman entwickelt – ein Sinnbild der ‚Cultura‘ schlechthin, gemalt von Jan Gerritsz van Bronckhorst… Und dutzende Beispiele mehr – jedes Museum mit seinen großen Werken ist immer auch ein Spiegel, in den wir blicken.“

Wie geht das Museum mit dem Thema Werterhalt und Versicherung wertvoller Exponate um?

„Eine Bilanzierung des kulturellen Erbes in Niedersachsen hat bisher nicht stattgefunden. Ich kann Ihnen diese Frage daher nicht beantworten. Ich glaube aber, man wäre mancherorts sehr überrascht, welche astronomischen Verkehrswerte in diesem Museum zusammenkämen. Der ‚Verkehrswert‘ ist der am Markt orientierte Wert, keine Fantasie…. Ob aus einer solchen Erfassung aber eine höhere Wertschätzung der Museumsarbeit im politischen Raum resultieren würde? Nach 25 Jahren im nationalen und internationalen Museumswesen würde ich diese Frage mit ‚nein‘ beantworten. Eher noch weckte man Begehrlichkeiten, damit Haushalte zu sanieren. Die wertvollsten Stücke liegen bei uns jenseits der 100 Mio. Euro Marke. Solche ‚Werte‘ regelt der Markt anhand der Kriterien Verfügbarkeit, Herkunft, Qualität, Zustand. Ob wir es wollen oder nicht, Museumsleute sind mit allem, was sie tun, am Ende auch Marktteilnehmer.
Dem Begriff des Werterhalts stelle ich unseren Auftrag zur konservatorischen Pflege und zum Schutz der Sammlungen an die Seite: Das Kulturgut gehört allen Bürger:innen. Ihnen sind wir verpflichtet. Dafür haben wir in den letzten Jahren u. a. die Abteilung Restaurierung personell breiter aufgestellt und mit neuester Technik ausgestattet. Finanziert durch den Freundeskreis des Museums. In der Zeit der Ankleber, Brei-Schleuderer und sonstiger Irrlichter haben wir zudem begonnen, die Dauerausstellungen zu überarbeiten und besser abzusichern.“

Wie gestaltet sich die Partnerschaft mit der Braunschweiger Privatbank?

„Für diese Zusammenarbeit bin ich sehr dankbar. Die Braunschweiger Privatbank ist bisher das einzige Unternehmen, das uns mit einem jährlichen Betrag regelmäßig wiederkehrend unterstützt. Das erleichtert die Planung und sorgt mit den gemeinsamen Events auch für eine positive Außendarstellung unseres Hauses in der Region. Ich würde mir wünschen, dass auch andere Unternehmen in einer solchen Kooperation einen Mehrwert erkennen könnten. Kulturförderung hebt vielleicht nicht den Absatz, aber sie stärkt das Wir, indem sie den Stolz auf unsere Region im Wettbewerb der Regionen befördert – ganz so wie einst Herzog Anton Ulrich: ‚Wir sind wer – auch bei den soft skills!‘ Freilich sagen aber viele: ‚Das ist ein staatliches Museum – ich bezahle schon Steuern!‘ Ich sage: ‚Ja, das stimmt, aber der Staat schafft es nicht allein – und das war schon immer so!‘

Die Kooperation mit der Braunschweiger Privatbank beinhaltet auch die Patenschaft für das Bild „Allegorie der Vergänglichkeit“ des niederländischen Malers Cornelis de Vos. Was zeigt das Werk und was sagt es aus?

„Das Bild passt in unsere Zeit: Alles ist in Bewegung, vieles droht zu zerbrechen und der Mensch denkt darüber nach, was er oder sie in der Zeit, die bleibt, Sinnvolles zuwege bringen kann. Der Maler führt den Reichtum der Welt vor Augen – Geldsäcke, Schmuck und kostbare Gefäße – aber der dargestellten Frau, der Allegorie der Vergänglichkeit, entgleitet alles und angesichts der verrinnenden Lebenszeit verliert alles seinen Wert. Das Hauptmotiv ist denn auch ein kleiner Junge mit einer Seifenblase: im Moment noch groß und prächtig schillernd, im nächsten Augenblick zu nichts zerstoben. Kein trauriges Bild, sondern ein motivierendes!“

Gibt es gemeinsame Aktionen oder Förderprojekte, die Sie hervorheben möchten?

„Die gemeinsam mit der Privatbank umgesetzten Events bringen uns in Kontakt mit Entscheider:innen in der Region. Es ist wichtig für uns, dass wir unsere Arbeit vorstellen und die Menschen dahinter zeigen können. Das schafft Transparenz und Verständnis. Und es schafft immer wieder Begeisterung für unser Museum. Diese Freude überträgt sich und wir erreichen somit viele weitere Menschen durch Multiplikatoren. Die Mittel der Förderung fließen im Übrigen direkt in relevante Projekte, nichts versickert im Regelbetrieb. Letzteren decken wir durch unseren Haushalt ab. Alles aber, was Spaß macht, finanzieren wird durch Einnahmen und Förderungen.“