„Unsere Gesellschaft ist gefordert“
Dr. Fabienne Tissot, Keynote-Speakerin des 1. BRAWO Stiftungstags in Braunschweig, im großen Interview

Dr. Fabienne Tissot ist Mitglied der Geschäftsleitung der Berliner Social-Impact- und Philanthropieberatung Wider Sense GmbH. Zudem leitet sie das Stiftungsnetzwerk #VertrauenMachtWirkung, das sich für einen nachhaltigen und zukunftsgerichteten Stiftungssektor einsetzt. Als Keynote-Speakerin war Dr. Fabienne Tissot beim 1. BRAWO Stiftungstag in Braunschweig zu Gast. Mit ihrer Expertise prägt sie maßgeblich die Initiative #VertrauenMachtWirkung, die sich für ein modernes, zukunftsfähiges Verständnis von Stiftungsarbeit einsetzt. Im Zentrum stehen dabei neun Thesen, die Stiftungen ermutigen, ihre Rolle in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik neu zu definieren – von Diversität über Transparenz bis hin zu innovativen Finanzierungsformen. Ein besonders spannender Aspekt ist das Thema Impact Investing: Stiftungen sollen ihr Kapital nicht nur bewahren, sondern es aktiv so einsetzen, dass neben Rendite auch gesellschaftliche Wirkung entsteht.
Wir sprachen ausführlich mit Frau Dr. Tissot, was dies für die Stiftungspraxis bedeutet, welche Chancen und Herausforderungen damit verbunden sind – und wie die Verbindung zwischen Vermögen, Kapital und Wirkungskraft auch für Anlegerinnen und Anleger, wie sie die Braunschweiger Privatbank betreut, neue Impulse gibt.
Frau Dr. Tissot, Sie haben beim BRAWO Stiftungstag die Keynote gehalten – was war Ihre wichtigste Botschaft an die Stiftungsverantwortlichen in Braunschweig?
„Wir erleben aktuell tiefe Umbrüche – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. Unsere Gesellschaft ist gefordert, und weder der Staat noch die Wirtschaft allein können diese Umbrüche meistern. Es braucht einen starken dritten Sektor: die Zivilgesellschaft. Dabei stellt sich die Frage: Welche Rolle können Stiftungen dabei einnehmen? Wie können sie die Zivilgesellschaft wirksam stärken? Eine Antwort darauf ist: vertrauensbasiertes Fördern. Im Kern steht dabei die Beziehung zwischen Stiftungen und Förderempfängern – denn jede Förderung (oder auch Investition) ist Beziehung. Und diese Beziehung gilt es zu gestalten, und zwar so, dass die Förderpartner*innen gut, nachhaltig und wirkungsvoll arbeiten können. In der Praxis gibt es dafür im Rahmen des Förderprozesses viele Praktiken und Hebel, die jede Stiftung für sich adaptieren kann. Dies ist wichtig, gerade, wenn man sich die Heterogenität des Sektors anschaut. Und es ist ein Lernprozess, für alle Beteiligten. Meine wichtigste Botschaft dabei ist aber: Es gibt viele Optionen für vertrauensbasierte Förderung, die eine Stiftung auch schrittweise und für die eigene Arbeit passend aufbauen kann, um so aktiv und in Partnerschaft mit ihren Förderpartner*innen die Zukunft zu gestalten.“
Die Initiative #VertrauenMachtWirkung hat neun Thesen für die Stiftung der Zukunft formuliert. Welche davon ist Ihnen persönlich die wichtigste?
„Diese 9 Thesen von #VMW vermitteln die Grundsätze der vertrauensbasierten Philanthropie. Sie hängen alle zusammen und vermitteln eine Haltung und Werte eines philanthropischen Zugangs, der eine gleichberechtigte Förderbeziehung in den Fokus stellt – denn diese Art Förderung bedeutet, bessere Entscheidungen zu treffen, Communities besser zu erreichen und damit eben wirksamer zu fördern.
Wenn ich nun eine These herauspicken muss, dann ist es These #2: Zuhören. Denn die Welt ist zu komplex, um top-down und mit nur einer Perspektive zu arbeiten. Stiftungen sollten denjenigen zuhören, die sie fördern, den Expert*innen, unterrepräsentierten Stimmen; denjenigen, die betroffen sind, von den Vorhaben, den Projekten, den Arbeiten einer Stiftung, im Falle der Geschäftsführung aber auch den eigenen Mitarbeitenden. Ganz konkret kann sich das unterschiedlich gestalten: beim Aufbau einer Strategie, die viele Perspektiven einbezieht, beim Einholen anderer Blickwinkel bei Förderentscheidungen, in Praktiken wie mündlicher Berichterstattung (Oral Reporting) oder aber Förderpartnerbefragungen (Grantee Perception Reports), um zu verstehen, wo die Förderpartner*innen stehen und wie man gut zusammenarbeiten kann. Intern können das Mitarbeitendenbefragungen sein oder andere programm- und hierarchieübergreifende Gesprächs- und Feedbackformate.“
Vertrauen bildet die Grundlage der Initiative. Warum ist Vertrauen aus Ihrer Sicht so entscheidend für nachhaltiges Stiftungshandeln?
„Vertrauensbasierte oder auch transformative Philanthropie ist eine Art der Philanthropie, die nicht nur transaktional sein will, die also nicht „nur“ Geld vergeben, sondern einen Unterschied machen will. Die schnell und unkompliziert handelt, die den Förderpartner*innen keine bürokratischen Hürden in den Weg legen und die ihr Geld dort investieren will, wo es am dringendsten gebraucht wird. Dafür braucht es gute, tragfähige Beziehungen auf allen Ebenen. Und das funktioniert nicht ohne Vertrauen. Dieses Vertrauen muss aufgebaut werden und bedarf einer entsprechenden Haltung auch bei Stiftungsmitarbeitenden.“
Stiftungen verfügen über erhebliche Vermögen. Warum sollte Kapital heute nicht nur sicher, sondern auch wirksam angelegt werden?
„Grundsätzlich sollten die Geldanlagen von Stiftungen mit den gleichen Werten und Prinzipien angelegt werden, mit denen sie auch gesellschaftlichen Wandel erreichen wollen – und meist ist das Vermögen einer Stiftung auch ihr größter Hebel (vgl. These #9). Im Fokus steht also nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Wirksamkeit des eingesetzten Kapitals. Untersuchungen, etwa vom Bundesverband, zeigen, dass bereits bei einem Anteil von 5-10 % an Mission Related Investments selbst Rechtsanwälte keine Konflikte mit den Anforderungen an den Kapitalerhalt sehen. Bei Unsicherheiten ist eine Rücksprache mit der Stiftungsaufsicht zudem immer sehr hilfreich (vgl. Grundsatzfragen besser vorher klären | Bundesverband Deutscher Stiftungen).
Zudem zeigt sich in der Praxis ohnehin ein wachsender Aktienanteil sowie ein breiter Investmentmix aus Immobilien, Staatsanleihen und anderen Anlageformen. In diesem Kontext können Stiftungen beispielsweise auch über Private-Equity-Portfolios gezielt in Sozialunternehmen oder Bildungsunternehmen investieren. Solche Anlagen beschränken sich dabei aber nicht auf Start-ups, sondern können auch etablierte Bildungsanbieter wie Schulbuchverlage umfassen. Eine mögliche Lösung für Stiftungen besteht darin, mit spezialisierten Fonds zusammenzuarbeiten, um Wirkung zu erzielen und gleichzeitig Risiken zu minimieren.“
Impact Investing gilt als ein Schlüsselthema. Können Sie kurz erklären, was darunter zu verstehen ist – und wie es sich von klassischem nachhaltigen Investieren unterscheidet?
„Impact Investing, also wirkungsorientiertes Investieren, ist eine Anlageform, die fundamentale gesellschaftliche Probleme nachweislich wirksam mit kommerziellen Geschäftsmodellen lösen möchte. Neben einer finanziellen Rendite soll auch eine messbare ökologische und/oder soziale Wirkung erzielt werden (Impact Investing – Bundesverband Impact Investing).“
Welche Rolle spielt die Frage „Finance First oder Impact First“ – also Marktrendite versus Wirkung – in der Praxis?
„Im Stiftungsbereich spielt die Frage „Finance First“ oder „Impact First“ eine wichtige Rolle. Häufig zeigt sich ein hybrider Ansatz: Investoren stellen zunächst ein Darlehen bereit, teilweise zinslos oder zu sehr niedrigen Zinsen, und ergänzen dieses gegebenenfalls durch Fördermittel. Instrumente wie sogenannte Convertible Grants ermöglichen es zudem, ein Investment bei ausbleibendem Erfolg in eine Förderung umzuwandeln.
Beim Impact Investing gibt es dabei unterschiedliche Strategien: Einige Investoren verfolgen einen klaren „Impact First“-Ansatz und akzeptieren geringere Renditen oder verzichten teilweise auf Gewinne zugunsten der gesellschaftlichen Wirkung. Gleichzeitig hängt die Risikostruktur stark vom jeweiligen Anlageinstrument ab: Während breit gestreute Anlagevehikel Risiken anders verteilen, sind etwa Private-Equity-Investitionen auch in wirkungsorientierte Start-ups typischerweise mit höherem Risiko verbunden.
Auch zwischen Fonds bestehen Unterschiede: Manche verfolgen ausdrücklich das Ziel, sowohl Wirkung als auch finanzielle Rendite zu erzielen, während andere den Fokus stärker auf die soziale Wirkung legen. Insgesamt bewegt sich Impact Investing somit in einem Spannungsfeld zwischen klassischer Spende und renditeorientiertem Investment in Unternehmen.“
Können Sie Beispiele nennen, bei denen Impact Investing bereits messbare gesellschaftliche Veränderungen ausgelöst hat?
„Etwas willkürlich herausgepickt: bspw. Social Bee (Integration von Menschen mit Fluchthintergrund) oder Discovering Hands (Brustkrebsfrüherkennung).“
Wie können Stiftungen durch Impact Investing Glaubwürdigkeit und Wirkung zugleich steigern?
„Impact Investing ist nicht umsonst (These #9 von #VWM): Es ist ein Weg, als Stiftung zu zeigen, dass man sich seiner Verantwortung bewusst ist. Fördergelder machen bei den meisten Stiftungen nur einen geringen Teil des gesamten Stiftungsvermögens aus. Ob und wie dieses Vermögen auf eine Weise verwaltet wird, die mit den Werten der Stiftung übereinstimmt, ist deshalb eigentlich ein zentraler Aspekt einer Stiftungsstrategie. Und bietet einer Stiftung die Möglichkeit, ihre Finanzpraktiken mit ihrem gesamtgesellschaftlichen Auftrag in Einklang zu bringen. Ein anderer Weg wäre beispielsweise, eine Stiftung als Verbrauchsstiftung aufzubauen. Dabei handelt es sich um eine relativ neue Form einer Stiftung: Eine Verbrauchsstiftung kann ihr Vermögen selbst für die Erfüllung ihres Zwecks nutzen. Es ist grundsätzlich auch möglich, eine bereits bestehende Stiftung in eine Verbrauchsstiftung umzuwandeln. Wie aufwändig dies ist, ist allerdings stark vom Bundesland und der jeweiligen Stiftungsaufsicht abhängig.“
Wo liegen aktuell die größten Hürden für Stiftungen, die ihr Kapital wirkungsorientiert anlegen wollen?
„Das größte Hindernis ist, wie so oft, der Wille der Verantwortlichen … und auch die ganz konkrete Frage, ob es in einem bestimmten Feld, wo eine Stiftung unterwegs ist, auch wirklich Sinn ergibt. Es gilt hier, im Kleinen zu erproben und dann schrittweise den Umgang mit solchen Instrumenten zu erweitern.“
Welche Unterstützung brauchen Stiftungen und Vermögensträger, um sich auf den Weg ins Impact Investing zu begeben?
„Bei Risiko und fehlender Erfahrung im Impact Investing ist kompetente Beratung wichtig; man sollte dabei auch die Möglichkeit wahrnehmen, Gespräche mit anderen Stiftungen zu führen, die hier Erfahrung haben.“
Die Braunschweiger Privatbank begleitet ihre Kundinnen und Kunden bei der Vermögensanlage. Welche Rolle können Banken dabei spielen, wenn es um wirkungsorientierte Investments geht?
„Was wir von der Seite der inhaltlichen Beratung oft sehen, sind Finanzkonstrukte oder -anlagen, die nicht zum Inhalt und dem Zweck oder der Arbeitsweise einer Stiftung passen. Es ist also für eine Bank nicht unwesentlich, eine gewisse inhaltliche Expertise selbst in die Beratung mit einzubeziehen. Es gilt, sich mit Stiftungen authentisch und sachkundig zu deren gesellschaftlichen Zielen auszutauschen und gemeinsam zu überlegen, wie sich diese in der Investment-Strategie widerspiegeln.“
Sehen Sie in Impact Investing auch eine Chance, private Anlegerinnen und Anleger stärker für gesellschaftliche Verantwortung zu sensibilisieren?
„Manchmal ist Impact Investing sogar die Vorstufe zum Spenden und Stiften. Impact Investing kann ein erster Weg sein, sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen zu befassen. Da hier häufig nicht gleich Investitionen in einzelne Unternehmen anstehen, ist ein erweitertes Fondsangebot immer wichtiger in diesem Bereich.“
Kritikerinnen und Kritiker warnen vor „Impact-Washing“. Wie kann sichergestellt werden, dass Wirkung nicht nur behauptet, sondern auch nachgewiesen wird?
„Hier ist die Frage der Wirkungsmessung zentral. Optimalerweise werden auch hier Indikatoren bzw. klar definierte Prinzipien in die Theory of Change einer Stiftung miteinbezogen. Dies ist die Grundlage für stetige Reflexion, Haltung und Lernprozesse. Klare und nachvollziehbare Ziele müssen definiert und nachgehalten werden. Und reflektiert und ggf. kommuniziert, warum bestimmte Ziele unter Umständen nicht erreicht werden können, und was geändert wird.“
Zum Abschluss: Welche Vision haben Sie persönlich für die Stiftung der Zukunft – und wo wird Impact Investing in zehn Jahren stehen?
„Unsere Vision für die Stiftung der Zukunft ist, dass sich Impact Investing in den kommenden zehn Jahren noch klarer als eigenständige Assetklasse etabliert. Wir werden zunehmend strukturierte Angebote und klar ausdifferenzierte, themenspezifische Fonds sehen, etwa im Bildungsbereich oder in anderen gesellschaftlich relevanten Themenfeldern. Beispiele dafür sind bereits sichtbar, etwa Impact-Investment-Fonds mit Fokus auf psychische Gesundheit oder Initiativen, die sich gezielt mit gesellschaftlicher Polarisierung befassen.
Zugleich wird die traditionelle Trennung zwischen Investment und Förderarbeit weiter aufgebrochen. Vorbilder wie die Heron Foundation in New York zeigen, wie Stiftungen systematisch prüfen, ob eine Spende oder ein Investment den größeren gesellschaftlichen Nutzen stiftet, etwa im Bereich Jugendarbeitslosigkeit. Dabei geht es nicht um eine reine Ökonomisierung des Stiftungssektors, sondern um wirksamere Instrumente. Schon die Venture-Philanthropy-Bewegung vor rund 20 Jahren hat gezeigt, wie stark solche Ansätze den Fördermarkt verändern können – etwa durch die Stärkung von flexiblem, nicht zweckgebundenen Funding und gezieltem Capacity Building. Diese Entwicklung dürfte die Stiftungsarbeit auch künftig prägen.“




