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„Es war eine wilde Zeit“

Thomas Strunz, UEFA-Champions-League-Sieger und Europameister, im Interview

Mann in rotem Poloshirt lächelt und hebt die Arme freudig neben einem Golfwagen auf einem grünen Golfplatz.
Gut gelaunt und voller Energie: Thomas Strunz, Kapitän des „roten Teams“ beim Charity-Golf- Turnier der Braunschweiger Privatbank.

Thomas Strunz kann auf eine lange, bewegte Karriere im Fußballgeschäft zurückblicken – und ist dort bis heute geschäftlich aktiv. Der 57-Jährige bestritt von 1990 bis 1999 im defensiven Mittelfeld 41 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft. Bei der Europameisterschaft 1996 wurde Strunz mit der DFB-Auswahl Europameister. Beim FC Bayern München absolvierte der gebürtige Duisburger von 1989 bis 1992 und von 1995 bis 2001 insgesamt 156 Pflichtspiele (23 Tore) – und wurde mit dem Verein u. a. fünf Mal deutscher Meister und einmal UEFA-Champions-League-Sieger (2001). Auch als elementarer Teil von Giovanni Trapattonis legendärer Wutrede („Was erlaube Strunz?“), die der damalige Bayern- Trainer 1998 nach einer Niederlage hielt, ging Thomas Strunz in die Fußballhistorie ein. Wir unterhielten uns mit dem Kapitän des „roten Teams“ beim Charity-Event der Braunschweiger Privatbank zugunsten der Arne- Friedrich-Stiftung, der auch auf dem grünen Golfrasen eine gute Figur machte.
 

Herr Strunz, im ZDF (Mediathek) läuft gerade die sehenswerte Doku-Serie „FC Hollywood“ über den FC Bayern München in den 90er Jahren, den wildesten und verrücktesten Jahren in der Vereinsgeschichte. Eine glorreiche Zeit, die Sie mit Charakter-Typen wie Lothar Mätthaus, Mario Basler, Jürgen Klinsmann, Mehmet Scholl und vielen anderen maßgeblich geprägt haben. Wie blicken Sie heute darauf zurück?
„Es war eine wilde Zeit, damals. Vieles hatte ich schon vergessen (lacht). Es war aber schon so, dass Spieler in unserer Mannschaft aufeinander losgegangen sind. Hätte es damals schon Social Media gegeben, dann möchte ich nicht wissen, was sonst noch alles vorgefallen wäre. Es war schon extrem, war aber ein unterhaltsamer Teil des FC Bayern München und der deutschen Fußballgeschichte, an der ich teilhaben konnte. Ich gucke mit einem „lachenden Auge“ darauf zurück.“


Wie groß war damals der Druck für Sie?
„Druck ist ein Begriff, der für mich nicht ganz taugt. Jeder Mensch hat Druck in seinem Leben. Egal, ob er Profi-Fußballspieler, in einer Bank arbeitet oder Monteur bei Volkswagen ist. Jeder muss seine Leistung bringen. Der Unterschied ist eben das öffentliche Thema, dass man als Fußballspieler jeden Tag bewertet und seziert wird. Ansonsten ist es Teil des Geschäfts.“

Was waren die schönsten, was die schlimmsten Momente in Ihrer Profikarriere als Fußballer?
„Die schönsten Momente waren natürlich die Titelgewinne, insbesondere der Gewinn der Europameisterschaft im Jahr 1996 mit der deutschen Nationalmannschaft. Das Elfmeterschießen gegen England, wo ich einen Elfmeter verwandelt habe. Dann das Finale mit dem Golden Goal, was ja auch einzigartig war. Aber auch die Rückkehr nach Frankfurt und dort mit den Fans auf dem Römer, dem bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, zu feiern. Das war alles außergewöhnlich – und steht über allem. Für mich ist es etwas anderes, ob ich für mein Land oder für einen Verein einen Titel gewonnen habe. Zu den negativen Dingen: Ich habe viele Verletzungen und einige Operationen in meinem Leben gehabt. Und die Rede von Trapattoni war damals im ersten Moment sicher ein Negativerlebnis, in der Nachbetrachtung hat mich das Ereignis aber einzigartig und unsterblich gemacht. Wahrscheinlich werde ich mich, wenn ich mit 99 Jahren vor dem Fernseher sitze und eine Fußball-Dokumentation gucke, immer noch mit Freude daran erinnern (lacht).

Haben Sie sich mit Giovanni Trapattoni später versöhnt?
„Ja, wir beide waren viele Jahre später in der Fernsehsendung von Markus Lanz eingeladen – Trapattoni wusste aber nicht, dass ich auch da bin (lacht). Die Verantwortlichen hatten Angst, dass er nicht vorbeikommt. Als wir uns dann gesehen haben, haben wir uns herzlich umarmt. Ich bin ihm überhaupt nicht böse. Er ist ein absoluter Gentleman und großartiger Trainer.“

Was war der Grund für Ihren langjährigen Erfolg?
„Darüber habe ich nach meiner Karriere auch nachgedacht, warum ich so lange beim FC Bayern München gespielt habe – und insgesamt so erfolgreich war. Wenn man beim FC Bayern spielt, muss man schon eine gewisse Überheblichkeit, ein großes Selbstbewusstsein, eine mentale Qualität besitzen, um in diesem Haifischbecken bestehen zu können. Man braucht die Überzeugung, dass man gut und besser ist als der andere und ein „Leck mich am Arsch“-Gefühl, egal wer neu für die Mannschaft verpflichtet wird.“

Was waren Sie für ein Spielertyp?
„Ich war in allen Bereichen, wie zum Beispiel Schnelligkeit, damals über dem Durchschnitt, aber nie in irgendeinem Punkt herausragend. Was mich als Spieler ausgezeichnet hat, war, dass ich taktisch sehr gut war. Ich habe viele Dinge vorhergesehen, bevor diese auf dem Platz passiert sind, stand zudem oft am richtigen Fleck – und solche Spieler benötigt man eben auch (lacht). Wenn ich heute Fußball gucke, sehe ich das Spiel immer noch anders als andere Zuschauer. Ich spüre das Spiel, nehme genau wahr was dort passiert und wie die Trainer agieren.“
 

Was haben Sie alles nach Ihrer Fußballkarriere gemacht?
„Ich bin dem Fußball immer verbunden geblieben und habe einen ganzheitlichen Blick darauf. Ich habe als Experte bei den Fernsehsendern Sport1, Sky und für die Telekom im Studio oder auch vor Ort im Stadion gearbeitet – und mittlerweile tausend Livesendungen gemacht. Gleichzeitig habe ich mehrere Spielerberatungsagenturen aufgebaut. Im Jahr 2005 war ich eine Saison mal Geschäftsführer beim VfL Wolfsburg, im Jahr 2008 habe ich als Sportlicher Leiter beim Regionalligisten Rot-Weiss Essen mit dafür gesorgt, dass dieser Traditionsverein ein neues Stadion bekommt. Ich habe den Fußball in meinem Leben von ganz vielen Seiten und in vielen unterschiedlichen Facetten kennengelernt.
 

Womit beschäftigen Sie sich heute?
„Mit meiner Spielerberatungsagentur habe ich diesen Sommer den Transfer des dänischen Stürmers Jacob Bruun Larsen zum Premier League Club FC Burnley gemacht. Ich betreue zudem Sebastian Schonlau vom Hamburger SV, den ich – wie kürzlich auch Thomas Müller – zum kanadischen Major League Soccer Club Vancouver Whitecaps vermittelt habe. Das Fußballgeschäft macht mir noch immer große Freude, auch wenn ich selbst körperlich nicht mehr spielen kann. Dabei zu sein, Erfahrungen weiterzugeben, mich zu vernetzen – das treibt mich an.“
 

Sehen Sie Parallelen zwischen Fußball und Golf?
„Wirkliche Parallelen nicht, denn man spielt als Golfspieler eigentlich nicht gegen Gegner, sondern
vor allem gegen sich selbst. Das erfordert viel Demut und Geduld – vor allem, wenn man anfängt (lacht). Beim Fußball hat man ja noch Mitspieler, die einem helfen können, wenn man nicht so gut drauf ist. Im Golf wird einem nichts verziehen. Nur weil ich den ersten Schlag gut gemacht habe, heißt es nicht, dass der zweite Schlag genauso gut gelingt. Man muss sich schon sehr konzentrieren und im Moment sein. Ich freue mich sehr, dass ich beim Golfturnier der Braunschweiger Privatbank dabei sein durfte. Eine sehr angenehme, abwechslungsreiche Veranstaltung mit vielen tollen Teilnehmern.“

 

„FC Hollywood“

Die sehenswerte, fünfteilige ZDF-Dokumentation „FC Hollywood – der FC Bayern und die verrückten 90er Jahre“ beleuchtet eine der turbulentesten und wechselhaftesten Epochen des Clubs in den Jahren von 1996 bis 2001. Eine Ära, die geprägt war von sportlichen Höhen und Tiefen, die den Verein zwischen Chaos und Kult zeigt – und seine Spieler zu Legenden machte. Mittendrin kämpften charismatische Alpha-Typen wie Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann, Mehmet Scholl, Mario Basler, Stefan Effenberg, Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer, Otto Rehhagel, Ottmar Hitzfeld, Giovanni Trappatoni und Thomas Strunz, einer der zentralen Protagonisten der erfolgreichen Doku-Serie in der ZDFmediathek, mit- und gegeneinander. Eine Arena der Eitelkeiten, die geprägt war von Machtkämpfen, Schlagzeilen und Skandalen – angefeuert von Privatfernsehen, Boulevard und Bild Zeitung. Eine explosive Gemengelage, die in Trapattoni legendärer Wutrede „Was erlauben, Strunz?“ einen ihrer dramatischen Höhepunkte findet.