Das Vertraute und das Unheimliche
Carolin Hegerath stellt bis Ende des Jahres ihre eindrucksvollen Ölgemälde in der Braunschweiger Privatbank aus

„Werte verstehen, Werte leben, Werte schaffen“ ist der W³-Ansatz der Braunschweiger Privatbank. Dieser spiegelt sich nicht nur in der Beratungsphilosophie des Teams wider, sondern auch im gesellschaftlichen Engagement. Eines davon: die Unterstützung kreativer, innovativer und besonderer Künstler. Dafür kooperiert die
Braunschweiger Privatbank auch im Jahr 2026 mit der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig – und unterstützt u. a. die ehemalige HBK-Diplomandin Carolin Hegerath, deren Werke bis Ende des Jahres in den Räumlichkeiten der Braunschweiger Privatbank in der 13. Etage, Willy-Brandt-Platz 19 in Braunschweig, ausgestellt werden. Im Interview erzählt Sie von ihrem schwierigen Werdegang, über wiederkehrende Themen, Techniken, Inspirationen, Zufall und Scheitern.
Frau Hegerath, wie sind Sie zur Kunst gekommen – gab es besondere Schlüsselmomente oder einen eher schleichenden Prozess?
„Als ich mit 14 Jahren einen Preis bei dem traditionsreichen Straßenmalwettbewerb in meiner Stadt gewann, kaufte ich mir von dem Preisgeld einen Aquarellkasten und Papier. Ich war gerade auf eine neue Schule gekommen und extrem schüchtern. In den Pausen zog ich mich dorthin zurück, wohin nie ein anderer Teenager sich je verirrte: in die Leihbibliothek der Schule. Dort gab es Bildbände der Impressionisten, die ich verschlang und danach aquarellierte. Meine Mutter erkannte mein Talent und meldete uns beide bei einem VHS-Kurs in Acryl- und Ölmalerei an. Von da an war mir klar, dass ich das für immer und so oft wie möglich machen möchte.“
Welche Stationen Ihres bisherigen Werdegangs waren besonders prägend für Ihre künstlerische Entwicklung?
„Als junge Erwachsene war ich jahrelang sehr krank. Meine Lebensrealität war dadurch krisenhaft und traurig. Ich war immer wieder im Krankenhaus, oft über Wochen, und konnte keiner Beschäftigung nachgehen als andere Leute in meinem Alter studiert haben. Die Malerei war immer eine Möglichkeit dieser verzweifelten Lage etwas entgegenzusetzen. Die Unmittelbarkeit dieses Mediums – es braucht nur dich und die Leinwand – ist einmalig und war mir eine große Stütze.“
Gab es Phasen des Zweifelns oder der Neuorientierung, die Ihre Arbeit nachhaltig beeinflusst haben?
„Kein Zweifeln, aber das Schmerzvollste, was ich erlebt habe, waren künstlerische Blockaden, in denen ich wochenlang keine Ideen gehabt habe. Wenn man sein Leben komplett auf das künstlerische Schaffen ausgerichtet hat, ist das zutiefst beunruhigend. Ich habe daraus gelernt noch genauer hinzuschauen was mich interessiert und Verbindungen herzustellen.“
Was bedeutet es für Sie heute, Künstlerin zu sein?
„Aktuell leben wir in einer Zeit, in der jeden Tag neue Grausamkeiten publik werden, Diskurse sich verschieben. Der einflussreichste Politiker der Welt überschüttet die News jeden Tag mit Unwahrheiten, mit verzerrten Darstellungen und schafft maximale Verwirrung: Wahrheit zählt nicht mehr als feste Größe, auf die man sich einst einigen konnte. Dieses Bombardement mit Unsinn erodiert die Geduld, die Aufmerksamkeit, die Lust sich über das Weltgeschehen zu informieren. Es ist wie eine Zermürbungstaktik gegen den Verstand der Leute. Der Fall Pelicot und die Epstein-Akten sowie die öffentliche Resonanz darauf beschäftigen mich sehr. Sie sind ungeheuerlich und schrecklich, aber fast jede Frau, die ich kenne, hat auf eine oder mehrere Weisen sexualisierte Gewalt oder Grenzüberschreitungen erlebt. Es ist also erschreckend, aber auch erschreckend vertraut. Sexualisierte Gewalt ist eine Normalität. Das politische Element der Kunst ist nicht so sehr, was sie darstellt, sondern viel mehr, was sie auslöst. Ihr Potenzial liegt in der Sichtbarmachung von Missständen, durch eine unmittelbare Erfahrbarkeit. Ihre Widerständigkeit besteht darin, dass sie immer noch passiert, trotz allem. Ein hoher Anspruch, aber ich fühle mich ihm in aller Freiheit verpflichtet.“
Welche Fragen oder Themen treiben Sie in Ihrer künstlerischen Arbeit immer wieder um?
„Ich beschäftige mich mit den Kipppunkten von Gewalt und Fürsorge. Vor allem in meinen Bildern der letzten drei Jahre gibt es immer eine Offenheit, die ermöglicht, dass sich eine vertraute Szene ins Unheimliche verkehren kann.“
Gibt es wiederkehrende Elemente oder formale Entscheidungen, die sich wie ein roter Faden durch Ihr Werk ziehen?
„Ich male fast ausschließlich Frauen.“
Wie stehen Sie zum Begriff der „Handschrift“ in der Malerei?
„Die kommt von ganz allein, wenn man sich darauf einlässt, den eigenen Interessen zu folgen und nicht allzu viel darauf zu geben, besonders schöne, manierierte Bilder zu malen. Das hatetwas mit loslassen zu tun.“
Warum ist die Malerei Ihr zentrales Medium?
„Sie ist in ihrer Unmittelbarkeit einzigartig. Im Vergleich zu anderen Medien, in denen ich mich auch ausprobiert habe, wie der Keramik oder dem Film, steht zwischen mir und dem Ergebnis in der Malerei kein Brennofen, kein Kameraobjektiv und kein Bildbearbeitungsprogramm. Jede Aktion mit dem Pinsel ist sofort da und es gibt keine Möglichkeit etwas rückgängig zu machen.“
Welche Techniken und Materialien verwenden Sie bevorzugt – und warum?
„Ich verwende bevorzugt Ölfarben, weil die längere Trocknungszeit im Vergleich zu wasserbasierten Farben einen Raum eröffnet, in dem ich mich besser auf das Bild einlassen kann.“
Wie entsteht ein Bild bei Ihnen: vom ersten Impuls bis zum fertigen Werk?
„Ich fühle mich von einer Fotografie angesprochen, entweder einer eher zufälligen Aufnahme aus meiner Handygalerie oder aus dem Internet. Es sind immer Bilder von Frauen, oft Prominente aus einer Zeit als ich jünger war. Ich zeichne ein neunteiliges Raster auf meine Bildträger, um das Foto zu übertragen. Vor allem in der Vergangenheit habe ich Fotos mit dem Projektor auf die Leinwand übertragen, aber in dieser sehr genauen Übertragung (das Bild ist sofort auf der Leinwand zu sehen) fehlt die spannende Suche nach dem Bild. In der Annäherung an die Figur im Raum entsteht die Mehrdeutigkeit. Das Bild ist fertig, wenn dieser fragile Moment erreicht ist, an dem das Wesentliche gerade da ist, um die Spannung zu halten und alles weitere eine Übererklärung wäre. So wenig wie möglich auszuformulieren ist mir immer wichtiger geworden.“

Welche Rolle spielen Zufall, Übermalung oder das Scheitern im Prozess?
„Das sind drei wunderbare Elemente. Der Zufall, dem man sich öffnen darf, sorgt dafür, dass man im Prozess überrascht wird. Das Bild braucht oft ganz andere Sachen als die, die man mit ihm vorhat. Es zeigt oft an, wo die Reise hingehen soll. Wenn das Ego zu sehr daran hängt es nach der Vorstellung weiter zu malen, die man sich vorgenommen hatte, kann man scheitern. Totgemalt oder malerisch übererklärt, wie ich es nenne. Der Prozess muss immer frei sein. Malerei
zeugt im besten Fall von Freiheit.“
In welchem Verhältnis stehen Figur, Raum und Abstraktion in Ihren Arbeiten?
„Eine Arbeitsweise von mir konzentriert sich auf die Malerei in einer einzigen monochromen Lasur. Die alten Meister haben so ihre die komplexen Bilder angelegt als Untermalung. Mich hat die Schlichtheit dieser Vorgehensweise sehr angesprochen und ich habe Lust bekommen sie zu einer eigenen Ästhetik zu erhöhen. Wenn man nur in einer dünnen Schicht von einer Farbe malt, ist erstmal alles gleichwertig. Die Figur und ihr Umraum befinden sich dann in einem
Wettstreit miteinander. Der Raum greift die Figur an, aber gleichzeitig braucht sie ihn auch um in der Abgrenzung dazu zu entstehen. Ich liebe es mich auf diese Dramatik einzulassen.“
Gibt es biografische Bezüge in Ihren Motiven?
„Es gibt eine Identifikation mit meinen weiblich gelesenen Figuren und manchmal sind die Fotos, die ich als Grundlage benutze, auch Porträts von mir. Ich schöpfe natürlich aus eigenen Erfahrungen, wenn ich das Vertraute und das
Unheimliche in meinen Bildern miteinander konkurrieren lasse.“
Welche Bedeutung hat Farbe in Ihrer künstlerischen Arbeit?
„Die Farbe trägt und erzeugt das Bild. Farbe ist so sinnlich und kostbar – wenn ich sie selbst aus Pigmenten anreibe, achte ich darauf keine Füllstoffe einzuarbeiten damit sie besonders leuchtstark ist.“
Woher beziehen Sie Ihre Inspiration – aus der Kunstgeschichte, dem Alltag, der Natur, Literatur oder anderen Medien?
„Eigentlich aus allem, was mich interessiert. Bestimmte Motive aus der Psychoanalytischen Theorie von Sigmund Freud und Jaques Lacan, aber auch bestimmte Atmosphären, die ich in Filmen von David Lynch und amerikanischer Südstaatenliteratur von William Faulkner, Tennessee Williams oder Joan Didion finde. Inhaltlich beschäftige ich mich gerade mit der dreihundertjährigen Geschichte der Hexenverfolgung.“
Gibt es Künstler:innen oder Kunstströmungen, die Sie nachhaltig beeinflusst haben?
„Auf einer technischen Ebene wie bereits erwähnt die Alten Meister, aber immer wieder bleibe ich an zwei Werken hängen: „Der Schrei“ von Edward Munch zeigt diese totale Aufgelöstheit im Gesicht der Person, aber man kann nicht
sehen, was sie sieht. Sie schaut in den unteren rechten Bildrand, aber was ihr Grausen bereitet, bleibt uns verborgen.
Die britische Künstlerin Tracey Emin hat in den 90er Jahren den renommierten Turner Prize erhalten und wurde von der Tate Modern um eine Ausstellungsbeteiligung angefragt. Sie hat das Bett, in dem sie wochenlang depressiv gelegen
hat, ausgestellt. Es ist auf eine wunderbare Art dem Venus Topos, zum Beispiel der berühmten Venus-Darstellung „Olympia“ von Eduard Manet zuzuordnen, nur dass Venus hier aufgestanden und abgehauen ist. Ich interessiere mich immer für das, was man im Kunstwerk nicht sehen kann.“

Welche Stimmungen, Atmosphären oder Reaktionen möchten Sie mit Ihren Werken erzeugen?
„Im Zentrum meiner Malerei stehen die Figur und das Porträt. Ich merke im Vergleich zu meinen früheren Arbeiten, in denen ich mich auf eine Art beruhigendes Element von Schönheit verlassen habe, dass ich Irritation erzeugen möchte. Ich fühle mich fast ein bisschen verpflichtet dazu (da ich nun einmal die Fähigkeit zu malen erworben habe) Bilder zu schaffen, die den Betrachtenden zurück anblicken und eine Projektionsfläche für deren Inneres darstellen.“
Welche Rolle spielen zeitgenössische Diskurse für Ihre Arbeit?
„Immer schon hat mich der intersektionale Feminismus geprägt, überhaupt kritische Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen in unserer Gesellschaft. Das ist thematisch ja auch wiederkehrend in meinen Bildern zu sehen.“
Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit Ausstellungen gemacht?
„Ich war bisher in über dreißig Gruppenausstellungen vertreten und hatte sieben Einzelausstellungen. Es ist immer besonders zu erleben, wie das Bild sich je nach Kontext, in dem es ausgestellt wird, verändert. Neben Ausstellungen
in Galerien und auf internationalen Kunstmessen, habe ich an besonders reizvollen Orten wie in einer Kirche, einem Domina-Studio, einem Schweizer Berghotel, einer historischen Badeanstalt in Saint-Tropez und in einem Wiener Kleiderschrank (zusammen mit der Klasse Frances Scholz und Sophia Rohwetter) ausgestellt.“
Wie beurteilen Sie die Kooperation und Zusammenarbeit mit der Braunschweiger Privatbank –und was werden Sie dort bei Ihrer Ausstellung zeigen?
„Ich bin begeistert, wie freundlich und hilfsbereit alle Mitarbeitenden der Braunschweiger Privatbank sind, und wie professionell im Umgang mit meinen Belangen. Der Aufbau an diesem besonderen Ort hat wirklich Freude gemacht.“
Was präsentieren Sie in Ihrer Ausstellung?
„Meine Ausstellung ‚Above the glass ceiling‘ zeigt Arbeiten aus mehreren Jahren meines künstlerischen Schaffens. Der Titel zur Ausstellung kam mir in den Sinn, als ich während des Aufbaus aus dem Fenster fotografiert habe. Es war dunkel draußen und in der Spiegelung des Fensters sah man den Innenraum, unten auf der Straße fuhren Autos und die Tram durch den Schnee. Auf meinem Foto sehen sie aus, als wäre der Fußboden aus Glas und man könnte nach unten hindurchsehen. Die gläserne Decke, auf die mein Titel anspielt, ist eine bekannte feministische Metapher aus der Soziologie. Sie beschreibt kulturelle Hindernisse, die dem Erfolg von Frauen im Weg stehen, wie zum Beispiel mangelnde Vorbilder und fehlende Unterstützung. Über dieser Glasdecke haben sich ‚meine Frauen‘ nun ausgebreitet und machen sich die 13. Etage kollektiv zu eigen.“
