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„2026 ist ein Schlüsseljahr“

Prof. Dr. Klaus Schweinsberg über lethargische Bürger, den deutschen Wohlfahrtsstaat und die Dominanz der USA

Prof. Dr. Klaus Schweinsberg prognostiziert für dieses Jahr, das die deutsche Wirtschaft weiterhin schlecht laufen wird. Er sieht aber auch Chancen.

Er ist einer der renommiertesten deutschen Journalisten, Publizisten, Wirtschaftswissenschaftler – und zudem ein gefragter und eloquenter Speaker. Wo andere nur Herumreden, spricht Prof. Dr. Klaus Schweinsberg Klartext. Als langjähriger Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos und der Münchner Sicherheitskonferenz ist der 55-jährige Politik-, Sicherheits- und Wirtschaftsexperte seit vielen Jahren ganz nah dran an den reichen, wichtigen und mächtigen Entscheidern, die unsere Welt bewegen, beherrschen und grundlegend verändern. Auch in diesem Jahr war er dort wieder live dabei – und war außerdem Ende Februar erneut Referent des Neujahrsempfangs der Braunschweiger Privatbank am Standort Oldenburg. Wir unterhielten uns mit Prof. Dr. Schweinsberg.

Herr Prof. Dr. Schweinsberg, in einer Kolumne für das Manager Magazin haben Sie kürzlich die mangelnde „Opferbereitschaft“ der deutschen Bürger und Manager beklagt. Was bedeutet das genau?

„Opfer trifft es vielleicht nicht genau, eher Einsatzbereitschaft. Nicht wenige Bürger glauben inzwischen, dass der Staat eine Art Dienstleistungsagentur ist. Staat und Demokratie sind eine Mitmachveranstaltung. Ich würde mir wünschen, dass wir weniger meckern und mehr anpacken. Wenn der Stadtpark nicht sauber ist, kann man auf die Verwaltung schimpfen oder eine Gruppe zusammenstellen und ein paar Mal im Jahr sauber machen. Wenn in der Schule die Farbe abblättert, kann man als Eltern ewig Beschwerden schreiben oder zum Baumarkt fahren und Farbe und Pinsel holen. Und jeder sollte sich in Zeiten wie diesen überlegen, ob er sich nicht an einem Krankenhaus, im Hilfs- oder Rettungsdienst, Katastrophenschutz oder als Reservist bei
der Bundeswehr einbringt.“ 

Einer der letzten und prägnantesten Sätze Ihrer Kolumne lautet: „Bin ich ein gutes Mitglied der Gesellschaft?“ Inwieweit sind Sie es selbst?

„Das kann man schwer für sich diagnostizieren, sondern das ist etwas, das einem die Gesellschaft zurückspiegelt. Aber ich bemühe mich schon Dinge zu machen, die nicht nur mir Freude bringen, sondern hoffentlich auch der Gesellschaft was bringen. Häufig ist es ja eine Kombination. Ich engagiere mich nun seit über 30 Jahren als Reservist in der Bundeswehr und mache das immer noch mit großer Passion.“

Die Bundesbank prognostiziert, dass die deutsche Wirtschaft im Jahr 2026 um 0,9 bis 1,3 Prozent wächst. Sie erklären dagegen, dass diese noch tiefer in die Krise rutschen wird. Wer hat Recht?

„Ehrlich gesagt, ist ein Wachstumsziel von 1 Prozent für eine Volkswirtschaft wie Deutschland ein Armutszeichen. Das ist die Krise. Unser Wohlfahrtsstaat ist mit einer über Jahre stagnierenden
Wirtschaft nicht zu unterhalten und auch nicht zu erhalten.“

Was sind aktuell die größten Herausforderungen in Deutschland – und wie können wir diese bewältigen?

„Aus meiner Sicht ist es ein von uns geschaffenes System der „Vetokratie“. Wir haben in Deutschland an jeder Ecke jemanden sitzen, der Nein sagen kann und damit alles aufhält. Das Dringlichste wäre es sehr umfassend die Bürokratie zurückzustutzen. Die Ideen dafür gibt es ja: Genehmigungsfiktion, also wenn ich vom Amt innert einer bestimmten Frist keine Rückmeldung habe, gilt die Sache als genehmigt. Sehr hart würde ich auch überprüfen, ob man nicht eine ganze Ebene herausnimmt, nämlich die Landratsämter. Hier sitzen die Bremser auf der Lok. Wir sollten den Gemeinderäten und Bürgermeistern wieder mehr Handlungsspielraum geben.“

Was sind Ihre wichtigsten Prognosen für das Jahr 2026?

„Die Wirtschaft wird schlechter laufen als prognostiziert. Wir werden Insolvenzen erleben. Der Krieg in der Ukraine geht weiter. Im Laufe des Jahres wird klar werden, dass Deutschland nun wirklich handeln muss und es deutliche Erleichterungen für die Wirtschaft braucht, nicht Subventionen, sondern wieder mehr Freiheit. 2026 ist ein Schlüsseljahr.“

Was sind weitere Trendthemen für 2026 (wie z. B. KI), die unser Leben zukünftig beschäftigen und verändern werden?

„Ich rechne damit, dass es beim Thema KI einen kleinen Rücksetzer gibt, so wie das beim Internet auch der Fall war. Es wäre aber ein Fehler, dann in den Bemühungen nachzulassen. Das könnte eine Chance für Deutschland sein, aufzuholen. Wenn es in den USA so weiter geht, hat Europa zudem die Chance wieder ausländische Direktinvestitionen und Kapital wie auch Talent anzuziehen.“

Anfang des Jahres traf beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Alpenort Davos wieder die Elite aus Politik, Wirtschaft und Kultur zusammen. Neben Donald Trump waren mehr als 60 Staats- und Regierungschefs dabei. Wie haben Sie die diesjährige Veranstaltung erlebt? Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

„Die Dominanz und Arroganz der USA waren kaum auszuhalten. Nicht nur Trump, auch die anderen rund 800 anwesenden US-Vertreter unterließen nichts, die Europäer nach dem Motto: „Europe is done“, zu demütigen. Aber: Hochmut kommt vor dem Fall. Die USA unterschätzen Europa. Das kann eine Chance sein.“

Wie lautet Ihr Resümee der 62. Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), die Mitte Februar 2026 stattfand? 

„Man könnte es wohl so sagen: die USA dominiert, Russland provoziert, die Ukraine friert und innoviert, China präpariert konzentriert die Zukunft – und Europa diskutiert.“

Es gab auf der MSC auch Diskussionen über die Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit, einschließlich gemeinsamer Strategien gegen geopolitische Risiken. Wo steht Deutschland – und müssen wir uns Sorgen machen?

„In München wurde sehr deutlich, dass es unter den EU-Staaten keine Einigkeit gibt, wie eine europäische Verteidigung aussehen soll, geschweige denn wo es Kooperationen geben kann. Für mich ist klar: Nur Deutschland hat Geld und muss nun vorangehen unter Staaten wie Frankreich, Großbritannien, Polen, Dänemark und die nordischen Staaten unterhaken. Wenn das gelingt, sind wir verteidigungsfähig – auch ohne die Südländer und Quertreiber wie Ungarn oder die Slowakei.“

Was muss dringend und zeitnah in Deutschland verändert werden?

„Die Achillesferse ist nach wie vor die Beschaffung. Hier müssen wir schneller und unkomplizierter werden. Im Moment ist der Apparat nicht in der Lage, das Geld sinnvoll auszugeben.“