Faszination Oldtimer

Über die Leidenschaft für verchromte Nostalgie und ursprüngliches Fahrgefühl

Michael Schmidt ist Unternehmer, und sein Herz schlägt für glänzenden Chrom und altes Blech. Wir haben ihn in seiner Sammlerhalle getroffen und mit ihm über seine Leidenschaft gesprochen. Vor allem darüber, was ihn dazu verleitet, alte Autos zu kaufen, welchen Reiz die Nachkriegsklassiker für ihn haben und wie alles begann.

Micahel Schmidt spricht über seine Oltimer-SammlungFoto: Unternehmer Michael Schmidt spricht über seine Oldtimer-Sammlung.

Herr Schmidt, kaum jemand kann sich dem Zauber von Oldtimern entziehen. Was macht die Faszination für Sie aus?

Oldtimer sind technische Zeitzeugen, meist wurde das technisch Machbare der jeweiligen Epoche realisiert. Beeindruckend ist oft die Technik der Motoren. Beispielsweise wurde schon damals mit der Direkteinspritzung das Know-how aus dem Bau von Flugzeugmotoren genutzt. Schauen Sie sich die Formen an, sie sind etwas ganz Besonderes. Vieles wurde in der Nachkriegszeit in Handarbeit gefertigt. Bei kleineren Serien ergaben sich schon einmal deutliche Differenzen in den Maßen der Blechteile, z. B. musste eine Ersatzmotorhaube nachträglich um einen Zentimeter gekürzt werden, damit sie passte. Das macht die Restaurierung zwar aufwändiger, da alles per Hand vermessen werden muss und nicht auf Standardteile zurückgegriffen werden kann, dafür ist jedes Auto jedoch ein echtes Unikat. Bedenken Sie zum Beispiel auch, mit welchen einfachen Mitteln wettbewerbsfähige Rennautos produziert wurden. Das lässt einem das Herz schon höher schlagen.

Bei so viel Herzblut können Sie sich vermutlich noch ganz genau an ihr erstes ‚Schätzchen‘ erinnern?

Wie könnte ich dies vergessen! Es war ein Cabriolet. (Er lächelt und zeigt auf einen Mercedes, einem Traum aus glänzendem Lack und Chrom. Anm. d. Red.) Durch Zufall lernte ich einen Handwerker kennen, der im Rentenalter diese speziellen Versionen restaurierte. Es war sein Hobby, und er hatte gerade wieder eine Arbeit abgeschlossen. Einige Monate später hörten wir vom Scheunenfund eines ähnlichen Modells, das zum Verkauf stand. Im Inneren des Autos fanden sich ein Karton mit Dichtungen sowie Anleitungen für das Wechseln. Das Auto hatte tatsächlich über zehn Jahre hinweg in einer Scheune gestanden. Darauf deuteten auch die Mäusenester in der Lüftungsanlage hin. Auch dieser Mercedes wurde sorgfältig restauriert. So etwas kann durchaus einige Jahre in Anspruch nehmen. Übrigens kann man in vielen Fällen über das Archiv des Herstellers genaue Informationen über den Auslieferungsstand, das Zubehör und den weiteren Weg bis zum damaligen Kunden erhalten.

Trotz guter Vorsätze sind Sie dann doch dem Charme der Oldtimer erlegen, die Sammlerleidenschaft hatte Sie gepackt.

Ja, das stimmt. Eigentlich sollte es bei diesem einen Oldtimer bleiben, aber die Lust an dem ursprünglichen Fahrgefühl war schnell geweckt. Als nächstes fand ich, ebenfalls durch Zufall, einen Aston Martin, der über 18 Jahre hinweg dem damaligen Chefdesigner der Firma Opel gehört hatte. Weitere Aston Martins sowie der eine oder andere Porsche folgten.

Haben Sie bei den Restaurationen schon einmal unangenehme Überraschungen erlebt?

Das passiert immer mal wieder, da hilft auch keine noch so genaue Prüfung im Vorfeld. Der Aufbau und die Restauration des Aston Martins haben zum Beispiel fünf Jahre in Anspruch genommen. Mal war es ein Ersatzteil, das schwer zu beschaffen war, oder das Originalleder der Sitze riss beim Nachspannen, und die Restauration musste pausieren. In solchen Situationen ist es sehr hilfreich, wenn man über ein gutes Netzwerk verfügt und einen finanziellen Puffer eingeplant hat.

Das klingt alles nach viel Aufwand und Zeit.

Jeder, der mit Oldtimern liebäugelt, sollte beides einplanen. Bei einer Restauration müssen fast immer mehrere Gewerke beauftragt werden. Das heißt, sie benötigen neben einem Karosseriebauer
und Lackierer auch jemanden, der sich um die Mechanik und Elektrik kümmert sowie einen Sattler für den originalgetreuen Nachbau der Innenausstattung. Dazu kommt, dass die Arbeiten häufig nicht parallel ausgeführt werden können, sondern Gewerk für Gewerk nacheinander abgearbeitet werden müssen.

Wer sich für Oldtimer interessiert, sollte also ein geduldiger Mensch sein?

Neben der Liebe zu den Autos hilft eine große Portion Geduld auf jeden Fall. Insbesondere, wenn es mal nicht nach Plan verläuft.

Welchen Stellenwert sollte der Umweltaspekt einnehmen?

Bei aller Sammelleidenschaft sollten die Auswirkungen auf die Umwelt nie aus den Augen verloren werden. Aus meiner Sicht ist es absolut vertretbar, dass nur Autos ein Oldtimerkennzeichen erhalten, die sehr gepflegt sind. In Deutschland ist es ohnehin nur möglich, ein H-Kennzeichen* zu erhalten, wenn der Wagen in einem guten Zustand ist. Trotz aller Liebhaberei, Oldtimer sind keine Alltagsautos. Ich fahre die Autos ausschließlich zu Test- und Bewegungsfahrten oder bei Oldtimerausfahrten. Es ist einfach ein Traum, mit einem Klassiker zu cruisen. Dennoch gilt es auch hier, verantwortungsvoll zu handeln.

Manchen meinen, Oldtimer seien eigentlich umweltfreundlicher als Neuwagen.

Tatsächlich ist ein klassisches Auto umweltfreundlicher, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Generell kann man sagen, dass ein Oldtimer, der bereits über Jahrzehnte hinweg gefahren wurde,
im Gegensatz zu einem Neuwagen eine deutlich bessere Umweltbilanz (CO2) aufweist. Denn für die Herstellung eines neuen Fahrzeugs braucht es jede Menge Rohstoffe und Energie.

In Ihrer Sammlung sehen wir auch Autos jüngeren Datums. Was interessiert Sie an den zukünftigen Oldies?

Aus meiner Sicht ist es entscheidend, ob Autos sammlungswürdig sind. Für Youngtimer benötigtman auf jeden Fall ein Gespür für ihr Potenzial sowie eine gewisse Risikobereitschaft. Der Golf GTI I oder das Audi Coupé sind gute Beispiele für Oldtimer der Zukunft, sie waren echte Meilensteine in der Entwicklung.

2007 haben Sie Ihren ersten Oldtimer gekauft. Inzwischen hat sich die Sammlung beachtlich vergrößert. Wie geht’s weiter?

Das größte Manko ist, dass die Halle nicht mitwächst (lacht). Sie ist statisch und limitiert das Wachstum quasi auf natürliche Weise. Insofern muss ich mich bei einem Neukauf auch einmalm von einem vierrädrigen Zeitzeugen trennen, und mancher Wunsch wird unerfüllt bleiben. Aber auch das finde ich einen guten Aspekt. Es müssen sich nicht alle Wünsche erfüllen.

Auch wenn sich nicht alle Wünsche erfüllen müssen, welcher liegt Ihnen dennoch besonders am Herzen?

Wenn ich es schaffe, die Werte zu transportieren, die der nachfolgenden Generation ebenfalls Spaß machen, das wäre fantastisch.

TIPPS % INFOS ZU OLDTIMERN

Welche 5 Fragen sich potenzielle Sammler vor Beginn stellen sollten

  • Haben die Autos in 20 Jahren noch ihren Wert?
  • Ist eine Wertsteigerung realistisch?
  • Stimmt das Verhältnis vom Wert und den zu
  • erwartenden Instandhaltungskosten?
  • Sind Risikofaktoren einkalkuliert? Etwa der Kostenfaktor Benzin, denn synthetische Kraftstoffe, die den CO2-Normen entsprechen, sind in der Herstellung noch zu teuer.
  • Wie sieht der Ersatzteilmarkt für das Herzensprojekt aus? Sind die Teile leicht zu beschaffen?

2 Insidertipps

  • Frühzeitig ein Netzwerk aufbauen. Das ist insbesondere bei der Beschaffung von Ersatzteilen sehr hilfreich. Auf jeden Fall ein (finanzielles) Restrisiko einplanen – man weiß nie, was in der Zukunft passiert, und zu welchen Überraschungen eine Restaurierung führt.
  • Auf jeden Fall ein (finanzielles) Restrisiko einplanen – man weiß nie, was in der Zukunft passiert, und zu welchen Überraschungen eine Restaurierung führt.

Voraussetzungen für das H-Kennzeichen:

Das Fahrzeug ist verkehrstüchtig und weist keine gravierenden technischen Mängel oder Gebrauchsspuren auf. Zudem belegt ein Oldtimergutachten den Originalzustand bzw. guten Erhalt.

Youngtimer vs. Oldtimer

Für Youngtimer gibt es keine klare Definition. Im Allgemeinen gilt ab einem Alter von 15 bis 20 Jahren der Begriff als zutreffend. Erst wenn das Fahrzeug älter als 30 Jahre ist, wird es zum Oldtimer. Ab diesem Alter kann in Deutschland die H-Zulassung beantragt werden.

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29. Juni 2021 von Ina von Janowski Schlagwort: Kultur